Spielen Kinder heutzutage eigentlich noch?
Früher, ja früher, da waren Kinder wahre Energiebündel. Wir waren draußen, von morgens bis abends, mit schmutzigen Knien und völlig zerzausten Haaren. Gummitwist, Seilchenspringen, Ballspiele, Verstecken, Hinkelpott, Knickern – ich hoffe, du kennst diese alten Klassiker noch! Das waren die Disziplinen unserer Olympiade auf dem Bürgersteig, dem Rasen vor dem Haus oder an der Teppichstange, die irgendwie immer das Turngerät unserer Wahl war. Klar, das führte auch mal zu blauen Flecken oder einem aufgeschürften Knie, aber hey – das gehörte dazu! Und dick? Kaum ein Kind, denn wer ständig in Bewegung war, hatte keine Zeit, sich mit Chips und Schokolade vollzustopfen.
Früher – also damals, als Telefone noch Wählscheiben hatten und man zum Umschalten am Fernseher tatsächlich aufstehen musste – gab es eine einfache Regel: Kinder waren draußen. Immer.
Bei Sonne. Bei Regen. Bei Temperaturen, bei denen heute Warn-Apps Pushmeldungen verschicken würden.
Heute? Nun, ich lebe in einer Siedlung mit Mietwohnungen, wo – zu meiner großen Freude – wenigstens noch hier und da das laute Treiben von Kindern zu hören ist. Besonders die Jungs, die mit Stöcken durch die Gegend streifen. Denn erstaunlicherweise bleibt der Stock seit Jahrhunderten konkurrenzlos.
Die Industrie kann Tablets entwickeln, Virtual-Reality-Brillen, lernfähige Spielkonsolen und ferngesteuerte Drohnen – und trotzdem findet ein Achtjähriger irgendwo einen krummen Ast und denkt sofort:
„Excalibur.“
Oder Laserschwert.
Oder Gewehr.
Oder Wanderstab eines geheimnisvollen Waldläufers.
Der Stock ist das Schweizer Taschenmesser der Fantasie.
Man muss auch sagen: In diesen Kids steckt noch Leben!
Anderswo sieht das Spielbild aber leider ganz anders aus: Viele Kinder spielen nur noch im Garten der Eltern – was ja auch schön ist, nur leider oft begleitet von Bildschirmzeiten, die den Großteil des Nachmittags einnehmen. Auf der Bank sitzen sie dann zusammen, die Smartphones in der Hand, und tauschen sich über die neuesten TikTok-Trends aus. Sportliche Betätigung? Bewegung? Fehlanzeige. Socializing findet online statt, die echten Kontakte schrumpfen. Und ich frage mich: Werden sie am Ende des Tages wirklich müde – müde von echter Bewegung und frischer Luft? Oder nur müde von zu viel Bildschirmlicht und vielleicht einem zu süßen Snack?
Vielleicht wirken Kinder heute manchmal stiller, weil ihre Welt stärker beaufsichtigt wird.
Viele wachsen mit Stundenplänen auf, die aussehen wie die Kalender gestresster Unternehmensberater.
Dazu kommt eine Erwachsenenwelt, die ständig zwischen Förderwahn und Gefahrenwarnung pendelt.
„Nicht so hoch!“
„Nicht so schnell!“
„Nicht so dreckig!“
„Nicht allein!“
Manchmal hat man den Eindruck, die moderne Kindheit solle möglichst unfallfrei bis zum Abitur gelangen.
Natürlich will ich die heutigen Kiddies und deren Helikopter-Eltern nicht zu sehr kritisieren – wir alle leben ja in einer anderen Zeit. Aber ich muss ehrlich sagen: Irgendwie tun sie mir leid. Denn das echte Spielen, das unbeschwerte Draußensein, die kleinen Abenteuer auf der Straße und die Freundschaften, die man beim gemeinsamen Rennen, Springen und Verstecken schließt – das ist etwas, das ein Bildschirm nicht ersetzen kann.
Vielleicht sollten wir Erwachsene einfach mal wieder mitspielen – Seilchen her, Gummitwist raus, Straßenkreide in die Hand. Dann merken die Kinder vielleicht, dass echtes Spielen gar nichts mit WLAN zu tun hat, sondern mit Lachen, Bewegung und ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln. Hauptsache, das Leben draußen findet wieder statt – laut, fröhlich, echt.
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